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Außenlandeunfall beim Versuch ein
angemeldetes 800km FAI Dreieck zu fliegen

Der Flug vom 7.5.2008 über 700km stellt meine bisherige beste Leistung dar. Zwar konnte ich das ausgeschriebene 750km Dreieck nicht vollenden, aber dennoch war es ein großer persönlicher Erfolg.

Die Wettervorhersage für den 8.5.2008 war sogar noch besser, aber ich habe für mich die Regel aufgestellt nach einen sehr langen Flug einen Tag auszusetzen, um mich zu erholen. Ich glaube nur wenn ich wirklich fit und ausgeruht bin fliege ich sicher und kann es meiner Familie gegenüber verantworten. Ein 8 Stunden Flug ist anstrengend für mich. Und egal was ich mir bezüglich meiner Fitness einrede und wie toll das Wetter auch ist, eine Pause muss sein.
Und ich hatte Glück, denn die Vorhersage für den 9.5.2008 war sogar noch besser. So beschloss ich diesmal ein noch größeres Dreieck auszuschreiben und zu versuchen mir im Osten (Dobratsch-Loiblepass) und Westen (Meran-Samedan) neue Stücke für die wirklich großen Dreiecke zu erfliegen.

Obwohl ich sehr früh am Platz war, stand ich im F-Schlepp nach dem Tanken des Wassers nur an ca. 10 Stelle. Dadurch kam ich erst ca eine Stunde nach Jan L. (der als erster startete) in die Luft. Zudem setzte die sichtbare Thermik erst recht spät ein, sodass sich der Anfang der Schlepps auch verzögerte.

Im Ergebnis hatte ich erst gegen 11:30 meine Abflughöhe am Rechenberg erreicht und flog Richtung Loferer Berge ab.
Über Sausteigen und Honigkogel ging es Richtung Hauptkamm. Nicht langsam, aber auch nicht so schnell wie ich gehofft hatte.
Vom Honigkogel querte ich das Tal zum Bernkogel und flog dann das Gasteinertal hoch.
Knapp eine Stunde brauchte ich um den Hauptkamm zu erreichen und flog dann weiter Richtung Dobratsch. Das Wetter war gut, aber nicht ganz so gut wie ich erwartet hatte. Deswegen kam ich gefühlt langsamer voran als gehofft. Der Logger sagte allerdings mit einem Stundenschnitt von 95km/h etwas anderes.
Erst gegen 13:00 war ich dann am Dobratsch. Ich glaubte nicht mehr daran das große Dreieck beenden zu können und überlegte, ob ich dann lieber eine kleine Runde Fliegen sollte. Ich entschied aber, mir das neue Stück Dobratsch-Loiblpass anzusehen und auf dem Rückweg über den Brenner abzukürzen.

In den Karawanken fand ich sofort eine schöne Thermik und konnte mit der richtigen Linie und im Hangflug sehr schnell bis zum Loiblpass und zurück fliegen. Der Stundenschnitt stieg auf 110km/h und ich dachte: 'Na wenn das so weitergeht bekomme ich das Dreieck vielleicht doch noch zusammen'.
Auf Höhe des Dobratsch entschied ich mich nicht auf die Nordseite des Gailtals zu wechseln, sondern den Karawanken zu folgen. Ich glaube, dass dies möglicherweise eine taktische Fehlentscheidung war, denn dort kam ich tief und nicht mehr so zügig voran. Zudem entwickelten sich vor mir erste Regenschauer, die mich zwangen zwei Täler weiter nördlich zu fliegen.

Da ich in der Nähe von Lienz einen wirklich guten Bart bis auf 3500m ausgraben konnte, haderte ich nicht lange mit meiner Fehlentscheidung. Gegen 16:00 war ich auf der Höhe von Sterzing in 3200m. Ich wäre gerne Richtung Brenner und nach Hause abgebogen, aber leider war dort nichts als blauer Himmel, keine einzige vernünftig aussehende Wolke. In Richtung Meran und ganz hinten im Engadin konnte man aber noch jede Menge guter Wolken sehen.
Daher entschied ich mich mein Glück dort zu versuchen, obwohl ich eigentlich nicht mehr weiter nach Westen wollte. Der neue Plan war bis zum Reschenpass zu fliegen und dort Richtung Engadin abzubiegen. Ich dachte es auf diesem Weg noch gut bis nach Hause zu schaffen.

Aber damit beging ich vielleicht einen weiteren taktischen Fehler. Anstatt auf dem Weg von Sterzing nach Meran hoch zu bleiben, flog ich den Eckberg bei Meran direkt an. Ich wollte Zeit sparen. Bisher hatte sich dieser Berg als gute Thermikstelle bewährt. Aber leider konnte ich hier keinen vernünftigen Aufwind finden. Und diese Entscheidung nahm mir die Option noch einen anderen Weg einschlagen zu können. Da ich unter Grad war blieb mir nichts anderes übrig als den Hängen des Etschtales in Richtung Reschenpass zu folgen. Noch machte ich mir keine Sorgen. Die ganze Bergflanke lag voll in der Sonne mit schönen Cumuli über den Gipfeln. Je weiter ich jedoch in das Tal flog ohne verwertbare Thermik zu finden (es trug nur minimal), desto unangenehmer wurde der Gedanke hier irgendwo außenlanden zu müssen. Von oben konnte man gut sehen, dass jede kleinste Fläche mit Wein oder Obstplantagen bebaut war. Wiesen schien es nicht zu geben. In der Nähe des Reschenpasses wurde die Situation besser. Von oben sah es so aus, als ob einige Wiesen im Tal vorhanden wären. Aber ich hatte noch gut im Ohr, was Fliegerkollegen mir sagten: Das sieht von oben zwar wie eine Wiese aus, ist es aber nicht!

Jetzt hatte ich einen Konflikt: sollte ich dem vertrauen was ich sah, oder auf das Hören was man mir erzählt hatte?

Als ich also - ohne verwertbare Thermik gefunden zu haben - in Richtung Reschenpass um die Ecke bog, befand ich mich in etwa 1800m. Mein Plan war hier eine Schleife zu drehen und dann auf der anderen Talseite die markante niedrigen Rippe eines Berges anzufliegen. Erst wenn die auch nicht geht, wollte ich im Tal landen. Ich hatte aber die Befürchtung im Hinterkopf, dass viele Wiesen gar keine sind, wenn man näher kommt. Andererseits hätte ich mit meiner Höhe noch die Zeit gehabt mir einige Stellen im Tal näher anzusehen.

Wie ich also meine Kurve Richtung andere Talseite einleite, sehe ich eine schöne Löwenzahnwiese. Der Anflug würde schwierig sein, aber ich war zumindest 100% sicher, dass es eine Wiese ist. Aber jetzt mußte ich schnell entscheiden, denn für längere Manöver reichte die Höhe hier in Passnähe nicht mehr aus.
Also - entweder die Rippe versuchen und dann vielleicht im Tal landen, aber ohne eine sichere Landefläche. Oder aber die wegen des schwierigen Anflugs suboptimale, aber sichere Wiese nehmen?

Ich entschied mich die Wiese zu nehmen, auch weil ich nicht mehr daran glaubte, dass die Rippe mir die nötige Höhe für einen Weiterflug geben würde. Die letzten 30km hatten ja auf der besseren Seite nichts zutage gefördert. Ich konnte die Wiese dreimal auf und abfliegen, um sie mir anzusehen. In dem insgesamt ansteigenden Gelände sah die Wiese wie ein kleines Plateau aus. Im Norden wurde sie mit einer gut sichtbaren Böschung von der Bundesstraße begrenzt, im Süden wurde sie von einigen Feldwegen durchschnitten. Das erste homogene Stück erschein jedoch lang genug und insgesamt war sie sehr lang. Ich entschied mich gegen den Wind und Richtung Tal zu landen. Mit dem Wind schien mir der Anflug auf die Böschung zu riskant.

Die Bundesstraße war mit einer lockeren Allee bewachsen, aber in Landerichtung fehlten einige Bäume, so dass ich die Wiese sehr niedrig anfliegen konnte. Für einen langen Queranflug fehlte leider der Platz. Daher wartete ich im Gegenanflug so lange es das ansteigende Gelände zuließ. Als sich eine große Lücke im Verkehr auftat, sah ich meine Chance sogar sehr niedrig über die Straße anfliegen zu können. Ich machte eine Kehrtwende, zog die Klappen und schwebte knapp über die Straße. Ich setze das Rad, wie vorgesehen, so dicht hinter die Böschung auf wie es ging.
So weit so gut, dachte ich. Aber was dann kam war weniger schön. Die Wiese entpuppte sich im oberen Teil eher als Moorfläche. Das Rad versank ohne nennenswerten Widerstand komplett in der Wiese. Durch die jetzt fehlende Bodenfreiheit wurde mir selbst diese niedrige Löwenzahnwiese zum Verhängnis.

Noch in Landegeschwindigkeit wurde eine Fläche zurückgehalten. Der Flieger drehte sich langsam um 270°, während das Rad durch den weichen Boden pflügte. Das brachte zwar gute Bremswirkung, aber leider auch erheblichen Stress auf die Rumpfröhre. Beim Rückwärtsrutschen entstand der Schaden am Querruder. Die Wiese war derart nass, dass erhebliche Mengen Wasser durch den Haubenschlitz gedrückt wurden. Auf der linken Seite war ich komplett durchnässt. In dem vom Rad gezogenen Graben bildete sich sofort ein kleines Flüsschen.
Als ich im Stand die Haube öffnete und mich umsah, sah es zunächst so aus, als hätte der Flieger die Landung unbeschadet überstanden. Insbesondere hatte ich diese Hoffnung, weil die Bewegung sehr weich gewesen war. Nachdem ich aber den ganzen Matsch und das Gras oberflächlich entfernt hatte, offenbarte sich doch ein erheblicher Schaden.

Mir selbst ist überhaupt nichts passiert. Das Aufsetzen und die anschließende Drehbewegung bis zum Stillstand verliefen weich und ohne nennenswerten Ruck. Es fühlte sich in etwa so an wie eine sanfte Pirouette auf einer Eisfläche. Trotzdem war es kein schöner Gefühl knapp nach dem Aufsetzen die Kontrolle über das Flugzeug zu verlieren und als "Passagier" warten zu müssen bis man irgendwie zum Stehen kommt. Es war das erste Mal, dass ich die Kontrolle über das Flugzeug völlig verlor.

Dieses Erlebnis zeigt mir doch, wie dicht Erfolg und Unfall beieinander liegen können. Was 500km gut funktioniert (OLC), funktioniert eben nicht sicher auch noch die nächsten 300km. Hätte ich noch einen guten Aufwind gefunden, wäre vermutlich alles wunderbar gewesen. So aber lässt mich dieser Unfall auch mein eigenes Engagement im Streckenflug neu überdenken und mein persönliches Risiko neu bewerten. Dies umso mehr, als mich der tödliche Unfall von Wolfgang Lengauer am gleichen Tag sehr betroffen und auch nachdenklich macht.


Philip Joens

Mai 2008